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Johannes Rauchenberger: Wie inspiriert eigentlich christliche Bildlichkeit die Kunst der Gegenwart?

Transformation

Das Aufkommen neuer künstlerischer Medien hat auch die Bearbeitung des Körpers mit neuen Interessen versehen. In der Ausstellung Himmelschwer. Transformationen der Schwerkraft habe ich eine aus Eisenstäben strahlende Figur Gormleys mit einer Verklärung Gianlorenzo Beminis konfrontiert. Was ich zeigen wollte: Die Verwandlung von Materie in Licht, wie die biblische Erzählung sie zur Anschauung bringt, und der Übergang von der Materialität der Skulptur in eine auratische Strahlung. Dass sich dieses Interesse der Verwandlung des Körpers in Energie mit explizit theologischen Fragestellungen verknüpfen lässt, hat der russische Künstler Gor Chahal gezeigt. In der Moskauer Off-Szene der 1980er-Jahre und der beginnenden digitalen Kunst sein Profil entwickelnd (er war einer der ersten Künstler in UdSSR, der virtuelle Skulpturen herstellte), begann Chahal bald die verschütteten spirituellen Traditionen seiner Heimat und der orthodoxen Tradition künstlerisch zu bearbeiten. Den am Medium des Bildes sichtbaren Transformationsprozess mit der Frage der Bildenergetik zu verbinden ist ein Aspekt, den die ostkirchliche Bildtheologie des 13. und 14. Jahrhunderts gerade an der Verklärungserzählung am Berge Tabor (Mk. 2, 2-9) durchdeklinierte. Die so genannten Hesychasten (Gregorios Palamas) beschrieben in vielfältigster Form die Energie des Lichts, die sie an der Ikone fest machten. Gerade das Tabormotiv hat Chahal in zahleichen Werken verarbeitet - als mit den Bildmitteln des Virtuellen brennende Körper, die sich zwischen den ,drei Grazien' und schönen Kreuzigungsdarstellungen bewegen, bis hin zu virtuellen und realen Modellen des Berges Tabor selbst. Wie die Anhänger des ‘Hesychasmus’ durch Gebets-, Meditations- und Atempraktiken an den ’göttlichen Energien’ Anteil zu erhalten und das so genannte Taborlicht zu schauen hofften, ließ sich Chahal gerade von dieser Tradition inspirieren: In konzentrischen Kreisen bewegen sich etwa in der Arbeit Stages die Gottesnamen des Trishagions („Heiliger Gott, Heiliger Starker Gott, Heiliger Unsterblicher Gott") auf die Betrachterinnen und Betrachter zu, destabilisieren den Realraum und entfalten einen Sog in ein virtuelles Jenseits. In zahlreichen anderen Arbeiten hat Chahal die bewegte Ornamentik von Pixeln in blitzartige figurale Momente überführt, um sie der aus Goldblättern bestehenden feuerhaften Figuration einer verklärten Kruzifixation gegenüberzustellen: Als Korrespondenz zwischen „My Earth" und der „Sonne der Wahrheit, Anmut und Schönheit" verbindet der Künstler Techniken der virtuellen Bildentstehung mit dem Anspruch der ostkirchlichen Bildtheologie, Korrespondenzen und Transformationen von Materie und Licht zu erschließen.

Gor Chahal, Stages. Multimedia auf Leinwand, Flüssig-Druck, 140x140 cm, 2005.

Struktur

Christliche Bildlichkeit ist also keineswegs nur eine Frage der Motive. Sie hat vielmehr mit einem Diskurs über Körperlichkeit zu tun, der von ihrer Entstehung bis zur Leidensfähigkeit und seinem Absterben reicht, mit Verfall und Verwandlung, mit Aura und Energie, mit Gegenwart und Perforrnanz. Um einen Grenzbereich zwischen dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren, zwischen Bild und Wort, zwischen Reden und Plappern, zwischen Bitten und Beten, zwischen Ordnung und Einfall auszuloten, ist es mitunter notwendig, nach einer grundsätzlichen Grammatik zu suchen, nach einer Struktur, mit der eine Bildwelt gebaut ist. Chahal hat die Schrift eingesetzt, um das virtuelle Jenseits der Anbetung im Trishagion in den Betrachterraum einfallen zu lassen.

Quellenschrift: "Kunst und Religion im Zeitalter des Postsäkularen: Ein kritischer Reader", Majuskel Medienproduktion GmbH, Wetzlar, 2012. ISBN: 978-3-8376-2040-5, pp. 21-42 (38-40).